Alle Beiträge von Freundeskreis Berlin Pankow–Ashkelon

Kunst-Projekte und Einrichtungen in Ashkelon und Jerusalem

Ein Reisebericht von Christian Badel

Besuch der Beit Tfiloh Arts school in Ashkelon, 6. Mai 2013

Am Montag besuchte unsere Delegation die Art School Beit Tfiloh in der Pertnerstadt Ashkelon. Die quirlige Schulleiterin begrüßte uns am streng bewachten Eingangstor der Schule, die von einem hohen Eisenzaun umgeben war. Lehrerin und Schulleiterin Sidoniya Tzipi Golan führte uns durch das weitläufige Schulgelände, das aus einzelnen pavillionähnlichen Gebäuden bestand, die durch ein Netz von Wegen und Pfaden miteinander verbunden waren. Zuerst besuchten wir eine Grundschulklasse mit Schulanfängern, die gerade Phantasietiere zeichneten. Im relativ engen Klassenraum unterrichtete eine ältere Lehrerin frontal die gesamte Klasse von etwa 40 Schülern. Als wir den winzigen Raum betraten, standen alle Schüler wie auf Kommando auf und sangen ein Lied für uns. Sie betrachteten uns neugierig und kicherten, als wir sie auf Deutsch begrüßten. Wir schauten uns die Zeichnungen der Kinder an und gingen dann weiter in benachbarte atelierartige Räume, in denen ältere Schüler an der Staffelei künstlerische Aufgaben bearbeiteten. In diesen großzügigeren, hellen Arbeitsräumen war Platz für ca. 10–12 Schüler. Der Maler und Kunstlehrer Lev Tochner unterbrach seinen Unterricht und erklärte uns seine Arbeit und die Aufgaben der Schüler. Er erwähnte außerdem, daß er auch regelmäßig in Berlin ist. Er zeigte sich interessiert an der Jugendkunstschule Pankow, nahm das Infomaterial entgegen und versprach, sich zu melden, um die Einrichtung zu besuchen.

Wir besichtigten später noch die Keramik-, Bildhauer- und Druckwerkstatt sowie das Mosaikatelier. Die Mosaikabteilung beeindruckte uns besonders, weil diese Technik heute selten vermittelt wird und eigentlich nur in Italien und Russland üblich ist.

Vermutlich wurde dieser Bereich durch die mittlerweile pensionierte Künstlerin Ilana Shafir, eine bekannte Mosaikkünstlerin aus Ashkelon, die viele Jahre als Kunstlehrerin dort arbeitete, eingeführt. Viele Mosaikarbeiten aus ihrem Unterricht zieren die Außenfassaden der verschiedenen Unterrichtspavillions. Die mittlerweile sehr betagte Ilana Shafir ist der Einrichtung immer noch sehr verbunden. Sie stellt heute weltweit ihre Mosaikbilder aus und war z.B. in den letzten Jahren beim International Mosaic Festival in Ravenna in Italien vertreten.

Nach einem kleinen Snack in der Schulbibliotek, die in einem zentral gelegenen Pavillion untergebracht war, waren wir Zuschauer einer beeindruckenden Probe der Spezialklasse für modernes Ballet im Tanzsaal. Die Tanzdozentin ließ ihre Schüler für uns eine Choreografie vorführen, die sie gerade einstudierten. Zum Abschluss wurde extra für uns in einer Art Aulagebäude mit großer Bühne von ca. 60 jüngeren Schülern ein Flötenkonzert vorgetragen.

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Seit acht Jahren besteht bereits eine Partnerschaft zu einer jüdischen Schule mit künstlerischer Ausrichtung in Baltimore. Einem Austausch mit der Jugendkunstschule Pankow steht die Schulleiterin prinzipiell interessiert gegenüber und nimmt die Unterlagen dankend entgegen.

Weiter ging es nach diesem Programmpunkt mit einem Shuttlebus durch Ashkelon zum südlich der Stadt gelegenen Archeologiepark, der die Anfänge der Siedlungsgeschichte dokumentiert.

Nebenbei: Natürlich gab es wie an allen anderen Schulen und öffentlichen Einrichtungen Ashkelons einen Luftschutzkeller auf dem Gelände. Die Schutzbunker müssen in wenigen Minuten bei Raketenalarm von allen erreicht werden können. Das wird regelmäßig geübt. Zusammen mit den Raketenabwehrstationen, die rund um Ashkelon aufgebaut sind, garantiert dieses, dass es auch bei massiven Luftangriffen aus dem Gaza wie im Jahr 2012 keine Verletzten und Toten gibt.

 

Besuch von HomeBase VI in Jerusalem mit Gründerin Anat Litwin, 9. Mai 2013

Wir trafen uns nach dem Besuch der Holocaustgedenkstätte im Zentrum von Jerusalem mit der Künstlerin Anat Litwin und einem der Kunstfestivalbetreiber. Immer im Sommer findet seit vier Jahren mitten in den quirligen Einkaufspassagen und Gassen ein großes Kunstfestival mit Musikern, bildenden Künstlern und Kunsthandwerkern statt, das sehr gut besucht wird. Ganz bewusst werden dabei die bestehenden Händler und Gewerbetreibenden mit temporären Kunstprojekten, Installationen und Ausstelllungen umgeben. Einer der Organisatoren berichtet beim Essen im »besten Straßenrestaurant« Jerusalems von seinen Erfahrungen und den Anfängen dieses Festivals.

Anschließend ging es mit Taxis, die Anat spontan von der Strasse winkte, im Konvoi zur etwas außerhalb gelegenen Baustellle des Projektes HomeBase VI in Jerusalem. Dort trafen wir Vertreter der Stadtverwaltung und der Bauleitung. Gemeinsam mit Anat Litwin führten sie uns durch das im Bau befindliche Gelände. Derzeit wird dort mit HomeBase VI ein internationales Künstlerprojekt installiert. Es ist als temporäre Zwischennutzung des Gebäudes bis zur vollständigen Nutzungsübergabe und als Innovationsschub gedacht.

Noch eine Baustelle: HomeBase IV in Jerusalem
Noch eine Baustelle: HomeBase IV in Jerusalem

Das historische Hansen Hospital wurde ursprünglich im Jahre 1887 für christliche, muslimische und jüdische Patienten mit Lepra erbaut. Das sehr geräumige zweistöckige Gebäude mit seinem zentralen Innenhof und dem überdachten Wandelgang sowie den Kellergewölben und dem großzügigen Gartengrundstück soll in Zukunft ein Ort der Kunst und Kunstaustausch für ganz Jerusalem werden. Es soll als Design-, Technologie- und Media-Center der bekannten Bezalel Academy umgebaut werden und ein Ort für Ausstellungen und künstlerischen Austausch werden.

Zur Zeit sind die Bauarbeiten in vollem Gange. Behutsam werden baulich die Vorraussetzungen für die neue Nutzung geschaffen und dabei der Charakter des Gebäudes weitestgehend beibehalten. Mitarbeiter der Stadtverwaltung, der Bauleiter sowie die Künstlerin und Direktorin Ana Litwin führten uns durch das gesamte Gebäude und informierten uns über den aktuellen Stand der Sanierungs- und Umbauarbeiten sowie die geplante Nutzung. Initiiert und gegründet wurde HomeBase erstmalig durch amerikanisch-israelische Künstlerin und Kuratorin Anat Litwin in New York City im Jahr 2006 als Basis-Initiative. Seitdem wurden von HomeBase weltweit sechs Projekte eingerichtet. Sie liegen sowohl in der Umgebung von NYC als auch, seit 2010, in einer ehemaligen Brauerei in Pankow, Berlin (homebaseproject.org). Für den kommenden Sommer ist ein gemeinsames Projekt von HomeBase New York, HomeBase V Berlin-Pankow und HomeBase Jerusalem geplant. Für das Projekt HomeBase VI Jerusalem arbeitet das HomeBase-Team mit der Organisation Schir, einer Austauschorganisation für Künstler, zusammen.

Zusätzlich zum Gebäude im ehemaligen Hansen Hospital erhält das Team von Homebase eine großzügige moderne Loftetage in der Innenstadt, die gerade modernisiert wird und zukünftige mehrere Büros sowie einen Galerieraum beherbergen soll. Von hier aus sollen dann später auch alle HomeBase-Sationen weltweit koordiniert und präsentiert werden.

 

Eine ungewöhnliche Stadtführung durch Tel Aviv bei Nacht

Die »Florentin MitnightTour« wird regelmäßig jeden Abend in Tel Aviv angeboten. Treffpunkt ist ein Kiosk am zentralen Rottschildboulevard. Dort sammeln sich kurz vor der verabredeten Zeit Neugier Hauptstadtbesucher, allesamt Touristen wie wir. Ein großer, agiler Mann mit Jeans, weißem T-Shirt und imposanter Glatze stieg pünktlich 22 Uhr auf einen der Staßenpoller und versammelte die wartende Menge im Kreis um sich herum, indem er lautstark in englischer Sprache und wilder Gestik dazu aufforderte.

Stadtführung in Tel Aviv

Der etwas hemdsärmelige selbsternannte Stadtführer wird mit seinen Touren über das Touristikprogramm von Tel Aviv angezeigt. Die Touren sind im Prinzip kostenlos. Jeder kann aber am Ende der Führung zahlen, was es ihm wert ist oder in einem der Lokale und Läden, die er auf der Route vorstellt, einkehren. Er spricht nach eigener Aussage mittlerweile sieben Sprachen. Am meisten liebt das aber das Hebräische, weil manchmal ein Wort all das ausdrückt, wofür z.B. das Englische sogar mehere Sätze brauche – und weil es nun einmal seine Identität ausmache. Dabei galt Hebräisch lange Zeit als tote Sprache. Die recht willkürliche Auswahl von Orten und Plätzen gibt aber einen guten Einblick in die rasante Gschichte der Stadtentwicklung und die alternative Kulturszene. Diese Stadtführung ist sehr lebendig, weil der sympathische Mann jeden und alles zu kennen scheint. Er grüßt ununterbrochen und schüttelt Hände oder verteilt Almosen an Bedürftige.

Ein besonderes Augenmerk hat er auf die Street-Art-Malereien. Immer wieder weisst er darauf hin, nennt die Namen der Künstler und machmal erzählt er auch kleine Anektoden dazu. Neben aller Symphatie und guter Laune, die er verbreitet, weißt er aber auch immer wieder deutlich auf die die Probleme der Gentrifizierung in Tel Aviv hin, die für viele seiner Künstlerfreunde eine existenzielle Bedrohung darstellen.

Besuch in Israel im März 2013

Ein Reisebericht von Monika Scheffe und Christoph Lewek

Regelmäßige Kontakte zwischen den Nachbarschaftshäusern in Berlin und den Community Center in Israel bestehen schon seit über einem Jahrzehnt. Immer wieder gab es Besuche, Fachaustausche, Konferenzen und gegenseitige Praktika. Von Berliner Seite wurden und werden diese vom Dachverband der Nachbarschaftshäuser, dem Verband für sozial-kulturelle Arbeit, sehr hilfreich gefördert und begleitet.

In diesem Rahmen gab es auch im März 2013 einen Besuch einer Berliner Gruppe (verstärkt mit einem Kollegen aus Rostock) nach Israel. Diese Reise hatte eine Besonderheit: Sie sollte auch die Städtepartnerschaft zwischen Ashkelon und Pankow vertiefen. Deswegen wurde dem Besuch von Ashkelon ein Tag vorbehalten und deswegen waren aus Pankow (dem Frei-Zeit-Haus in Weißensee) fünf Teilnehmer mit in der Gruppe. Außerdem nahm Frau Scheffe als Vertreterin des Freundeskreises an dem Austausch teil. Als Motto und fachliches Thema der Reise wählten wir »Mit Konflikten leben«.

Eigentlich sollte die Reise schon im November 2012 stattfinden. Dazu waren alle Vorbereitungen auf israelischer und deutscher Seite abgeschlossen, doch wenige Tage vor dem Reisetermin flogen Raketen nicht nur im Süden des Landes auf Be’er Schewa und Ashkelon, sondern bis auf Tel Aviv und Jerusalem. So musste der Besuch kurzfristig auf den März verschoben werden.

Dank der wunderbaren Organisation durch die »Israel Federation of Community Center« und ihrer Direktorin Etti Isler wurde diese gut gefüllte Besuchswoche vom 3. bis 10. März 2013 sehr intensiv, interessant und strotzte nur so von Höhepunkten.

Jerusalem, Tempelberg, Klagemauer, Felsendom
Altstadt von Jerusalem, Blick auf den Tempelberg mit Klagemauer und Felsendom

Wir besuchten verschiedene Community Center – u. a. in Ma’ale Adumim, in Be’er Schewa, in Tel Aviv, in Ashkelon und Jerusalem. Uns wurden Anliegen und fachliche Arbeitsabläufe und -inhalte der Einrichtungen und der verschiedenen Nachbarschaftsgruppen nahe gebracht. Wir trafen immer wieder haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Besucherinnen und Besucher der Center und erlebten eine große Offenheit von sehr liebevollen und liebenswerten Menschen, viel Interesse auch an unserem Leben und Arbeiten und an unseren Eindrücken, und wir erlebten vor allem auch eine sehr rührende und rührige Gastfreundschaft!

In besonderer Weise interessant war der Besuch eines Community Centers jenseits der Jerusalemer Mauer im arabischen Teil der Stadt. Er warf für viele von uns noch einmal ein neues, teilweise verwirrendes Licht auf den Konflikt, in den das Land und besonders diese Stadt verstrickt sind.

Erstaunlich, welch hohen Stellenwert die Community Center in Israel haben, und wie viele dieser gut besuchten Einrichtungen es gibt. Allein Ashkelon hat neun Center dieser Art, und jedes ist größer als z.B. die einzelnen vier Pankower Nachbarschaftshäuser, und wesentlich (!) besser ausgestattet. Wie unsere Nachbarschaftszentren sind auch die israelischen Community Center für alle Generationen da. Sie orientieren ihre Arbeit an den Bedarfslagen der Stadtteile, so dass jeweils für die Centren eigene Schwerpunkte entstanden sind. Jedoch gibt es in den israelischen Städten in der Regel keine zusätzlichen Senioren- und/oder Jugendeinrichtungen, es sei denn sie gehören zu einem Community Center. Außerdem sind die Community Center kommunale Einrichtungen, also der Stadtverwaltungen unterstellt, und nicht, wie meist in Berlin, selbstständigen Organisationen.

Besonders in Ashkelon erwartete uns ein sehr komplexes Programm. Wir wurden durch die sehr belebten Räume von drei Community Center geführt, besuchten u.a. einen Nachbarschaftsgarten, der von Migranten aus Äthiopien gepflegt wurde, eine Bibliothek für russische Literatur und fanden uns schließlich bei einer Jugendgruppe wieder, die über ihre Einsätze in den Bunkern während der jüngsten Raketenangriffe erzählte, in denen sie die Kinderbetreuung übernahm. Zwischendurch wurden wir in einen Kibbuz namens Gevar-Am nahe der Stadt gefahren. (Wenige Tage vorher hatte jemand aus unserer Gruppe sich enttäuscht gezeigt, dass ein Kibbuzbesuch im Programm nicht vorgesehen war. Davon hatte man in Ashkelon erfahren und ihn kurzfristig ermöglicht).

Der Tag wurde mit einem Abendessen gemeinsam mit dem Bürgermeister der Stadt, Benny Vaknin, und einigen Mitarbeitern beschlossen. Am Rande des Essens gab es Gespräche besonders von Frau Scheffe mit dem Bürgermeister, mit Avner Maymon, mit Shimon Lewy sowie mit Dani Dorot als Übersetzer, in denen es um Ideen zum weiteren Austausch und zur Vertiefung der Städtepartnerschaft ging. Deutlich wurde von beiden Seiten der Wunsch nach Fortsetzung der Kontakte, auch wenn Ideen zu einer konkreten Umsetzung und der Finanzierung (noch) nicht zu greifen waren.