Ein Ort der Erinnerung und der Hoffnung

Nachfolgend dokumentieren wir die Rede unseres stellv. Vorsitzenden Oskar Lederer bei der Einweihung der Informationstafel auf dem Ashkelon-Platz am 27. Mai 2026:

Sehr geehrte Bezirksbürgermeisterin Dr. Cordelia Koch, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde unserer Städtepartnerschaft, verehrte Gäste,

heute stehen wir an einem Ort, der auf den ersten Blick vielleicht einfach ein Platz ist. Ein Platz im Stadtbild, ein Platz, an dem man vorbeigeht, stehen bleibt, sich begegnet. Aber dieser Ort ist sehr viel mehr. Er ist ein Zeichen. Ein Zeichen der Erinnerung, der Verbundenheit und der Verantwortung. Und mit der neuen Schautafel wird dieses Zeichen sichtbar und begreifbar.

Für den Freundeskreis Pankow-Ashkelon ist deshalb heute ein ganz besonderer Moment. Seit 2020 haben wir uns dafür eingesetzt, dass dieser Platz den Namen unserer Partnerstadt Ashkelon trägt und dass diese Partnerschaft nicht nur in Urkunden, Archiven oder Festreden existiert, sondern mitten in unserem Bezirk sichtbar wird. Sichtbar im Alltag. Sichtbar für Anwohner*innen und für Besucher*innen. Sichtbar für junge Menschen, die vielleicht zum ersten Mal fragen: Wo liegt Ashkelon? Was verbindet uns mit dieser Stadt? Und warum ist diese Freundschaft für uns so wichtig?

Genau darin liegt der tiefe Sinn von Städtepartnerschaften. Sie sind weit mehr als offizielle Beziehungen zwischen Verwaltungen. Sie sind Brücken zwischen Menschen. Sie entstehen durch Begegnungen, durch Gespräche, durch Gastfreundschaft, durch gemeinsame Projekte, durch das ehrliche Interesse am Leben der Anderen. Eine Städtepartnerschaft sagt: Wir wollen einander kennenlernen. Wir wollen einander verstehen. Und wir wollen auch dann miteinander verbunden bleiben, wenn die Zeiten schwierig sind.

Das gilt in besonderer Weise für unsere Partnerschaft mit Ashkelon. Ashkelon ist eine Stadt am Mittelmeer, reich an Geschichte und zugleich von einer bedrückenden Gegenwart überschattet: der unmittelbaren Nähe zum Gazastreifen.

Diese Nähe hat für die Menschen dort in den vergangenen Jahren immer wieder bedeutet, unter Beschuss zu geraten. Für sie ist Bedrohung keine abstrakte Nachrichtensendung, sondern oft Alltag. Mit Sirenen zu leben, Schutzräume aufzusuchen, Angst um Angehörige und Freund*innen zu haben und Unsicherheit darüber, was der nächste Tag bringt – all das ist für uns kaum vorstellbar. Für die Menschen in Ashkelon ist es bittere Realität. Wenn wir heute diese Schautafel einweihen, dann ehren wir deshalb nicht nur eine Städtepartnerschaft. Wir senden auch eine Botschaft nach Ashkelon: Wir sehen euch. Wir vergessen euch nicht. Und wir stehen an eurer Seite.

Gerade in diesen Tagen ist das von besonderer Bedeutung. Denn Städtepartnerschaften zeigen ihren wahren Wert nicht in Zeiten, in denen alles leicht ist. Sie zeigen ihn dann, wenn Freundschaft Haltung verlangt. Wenn Solidarität nicht nur ein schönes Wort sein soll, sondern eine konkrete Entscheidung. Eine Entscheidung, sichtbar zu machen. Eine Entscheidung, nicht zu schweigen.

Dass wir die Bedeutung dieser Partnerschaft heute besonders hervorheben, hat einen weiteren, ernsten Grund: den rapide steigenden Antisemitismus. Dass Jüdinnen und Juden in unserem Land wieder Hass, Bedrohungen und Ausgrenzung erleben, darf uns niemals gleichgültig lassen. Auch hier in unserem Bezirk sehen wir es: judenfeindliche Parolen an Häusern, im Alltag, im öffentlichen Raum. Antisemitismus ist kein Randproblem. Er ist ein Angriff auf Menschenwürde, auf Freiheit, auf Demokratie und auf das friedliche Zusammenleben in unserer Gesellschaft.

Und deshalb sind wir alle gefragt. Wir dürfen nicht zulassen, dass Menschen ausgegrenzt oder angegriffen werden. Jetzt ist es Zeit Haltung zu zeigen. Ohne wenn und aber.

Wir müssen widersprechen – im Alltag, im Beruf, im Freundeskreis, in der Politik. Wir dürfen Antisemitismus nirgendwo dulden, auch nicht in den eigenen Reihen, auch nicht in der eigenen Partei.

Es ist unsere Pflicht, immer wieder deutlich gegen jeden Israelhass und antisemitische Hetze Stellung zu beziehen und den Schutz jüdischen Lebens zu gewährleisten.

Wer eine Städtepartnerschaft mit einer israelischen Stadt pflegt, übernimmt deshalb auch Verantwortung – Verantwortung, Haltung zu zeigen. Verantwortung, Widerspruch zu leisten, wenn Hass laut wird. Verantwortung, den Wert jüdischen Lebens und die Freundschaft zu Israel nicht nur zu beteuern, sondern im öffentlichen Raum sichtbar zu machen.

Genau das tut diese Schautafel. Sie ist nicht groß im Vergleich zu den Herausforderungen unserer Zeit. Sie wird keine Konflikte lösen und keine Ängste auf einen Schlag verschwinden lassen. Aber sie tut etwas, das in einer Demokratie von unschätzbarem Wert ist: Sie erinnert. Sie erklärt. Sie macht sichtbar. Und sie lädt zum Gespräch ein. Wer hier vorbeikommt, soll nicht nur einen Namen lesen, sondern eine Geschichte entdecken – die Geschichte einer Freundschaft über Grenzen hinweg, einer lebendigen Verbindung zwischen zwei Städten und eines gemeinsamen Willens, füreinander einzustehen. Eine Geschichte darüber, dass Ashkelon nicht irgendein ferner Ort ist. Ashkelon ist für uns eine Stadt, mit der uns Freundschaft, echte Verbundenheit und Verantwortung verbinden.

Mein besonderer Dank gilt deshalb allen, die sich mit Ausdauer, Überzeugungskraft und Herz für diesen Ort eingesetzt haben – in unserem Verein, in der Stadtgesellschaft, in der Politik und in der Verwaltung.

Solche Zeichen entstehen nicht von selbst. Sie entstehen, weil Menschen drangeblieben sind. Weil Menschen gesagt haben: Diese Partnerschaft ist wichtig. Sie verdient einen Platz. Sie verdient Sichtbarkeit. Und sie verdient unsere Stimme.

Lassen Sie uns deshalb diesen heutigen Tag nicht nur als feierliche Einweihung verstehen, sondern als Auftrag. Als Auftrag, diese Partnerschaft weiter mit Leben zu füllen. Als Auftrag, Begegnungen zu ermöglichen, Neugier zu wecken, junge Menschen einzubeziehen und die Geschichte unserer Partnerstadt weiterzuerzählen. Und als Auftrag, überall dort klar zu sein, wo Menschenfeindlichkeit, Antisemitismus und Gleichgültigkeit Raum gewinnen wollen.

Möge dieser Platz ein Ort der Erinnerung und der Hoffnung sein. Ein Ort, der uns daran erinnert, dass Freundschaft nicht an Stadtgrenzen endet. Ein Ort, der zeigt, dass Solidarität sichtbar werden kann. Und ein Ort, an dem wir immer wieder neu begreifen: Hinter dem Namen Ashkelon stehen Menschen, Familien, Hoffnungen und Geschichten. Gerade in schwierigen Zeiten ist es entscheidend, füreinander einzustehen. Möge dieser Platz dauerhaft für alle sichtbar bezeugen, was uns mit Ashkelon verbindet: eine lebendige Erinnerung, eine verlässliche Solidarität und eine Freundschaft, die auch in schweren Zeiten Bestand hat.

Ich danke Ihnen von Herzen, dass Sie heute hier sind und dieses Zeichen mit uns gemeinsam setzen.

Vielen Dank.

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